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Les Haricots Rouges

Les Haricots Rouges beim Jazzclub Rheinhessen
in Nieder-Olm, 19. April 2008

les_Harricots

Vor zehn Jahren kam es schon mal vor, das ein zerbrochener (wenn auch zuvor präparierter) Kontrabass auf der Bühne zurückblieb, nachdem die sechs Musiker von „Les Haricots Rouges“ zuvor gemeinsam seine Saiten malträtiert hatten. Jetzt beim Konzert der französischen Jazz und Cabaret-Truppe in Nieder-Olm sieht das große, schwarz gestrichene Instrument von „Mumu“ Houget zwar ziemlich mitgenommen aus, doch es bleibt unversehrt. Dafür bearbeiteten die sechs Spaß-Jazzer das Drum-Set des Schlagzeugers auf Teufel komm raus, nachdem Michel Sénamaud zunächst vergeblich sein Solo angemahnt hatte. So unliebsam unterbrochen, setzt er schließlich sein Solo mit feinen polyrhythmischen Verschachtelungen über einem durchlaufenden Beat fort und steht damit als Beleg für die technische Virtuosität, mit der die „Roten Bohnen“ diese Mischung aus New-Orleans-Jazz, Blues und Boogie, kreolischer Musik, Swing und Chanson immer wieder aufleben lassen.

Man sollte glauben, dass nach mehr als vierzig Jahren die Gags der Band aufgebraucht seien, dass es dem Pianisten und Trompeter Pierre Jean, dem Posaunisten Christophe Deret, dem Banjo-Spieler „Roro“ Congréga und dem Neuling in der Band, Jacques Montrebrunot mit Klarinette und Altsaxophon, schwer fallen würde, ihre Parodien mit beständiger Ausgelassenheit und Fröhlichkeit zu präsentieren. Weit gefehlt. Die Spielfreude der Band scheint ungebrochen, die witzigen Einlagen wirken immer noch – selbst wenn der Fan weiß, dass Deret zum Halb-Striptease die Musiker „erstarren“ lässt, dass Congréga mit dem Banjo zu einer hübschen Dame ins Publikum hinuntersteigt, dass die Musiker bei spanisch-kreolischen Rhythmen einen Stierkampf imitieren. Die Künstler bewegen sich mit bewundernswerter Lässigkeit auf der Bühne. Die ausgefeilte Choreografie lässt alle Routine vergessen, denn die instrumentale Kunstfertigkeit erlaubt den Franzosen einen ständigen Wechsel der Stile sowie deren parodistische Überhöhung.

Das amüsierte Publikum in der gut besuchten Nieder-Olmer Ludwig-Eckes-Halle reagiert begeistert, wenn Les Haricots Rouges sich des Glenn Miller Evergreens „In The Mood“ annehmen und eine kunstvoll-mimische Passage der Lautlosigkeit einlegen. Mit balladesker Sanftheit stimmen die Jazzer das Chanson „La vie en rose“ an, um im zweiten Teil mit kraftvoll swingendem Bläsereinsatz aufzutrumpfen. Ein Glanzstück parodistischer Überspitzung ist die Interpretation des Millionsellers „Caravan“ mit seiner exotischen Klangfärbung und dem ausgefallenen Metrum. „Der Funke springt über“ stellt Congréga zu Recht fest, als die Band die Fans mit dem Klassiker „St. Louis Blues“ zu Begeisterungsstürmen hinreißt. Montrebrunot, der für den erkrankten Gérard Tarquin eingesprungen ist, erweist sich in „Martinique“ als ein Virtuose in den High-Notes auf der Klarinette und später ausdrucksstarker hot spielender Altsaxophonist. Dass das Sextett an Stelle des Publikum-Wunsches „Tiger Rag“ mit multiinstrumentalem Chaos „Petite Fleur“ anstimmt, kann niemand im Publikum überraschen. Ebenso wenig wie der immer wieder gelungene Gag „Jeder spielt auf des Anderen Instrument“ im wortwörtlich genommenen kompakten Klangkörper.

Ihrem Motto „Jazz et Cabaret“ bleiben Les Haricots Rouges bis zum Finale konsequent treu. Jeder stellt sich selbst als der Genius der Band vor und nach einer akrobatischen Pyramide – ohne Instrumente – verabschieden sich die Sechs schließlich mit einer A-Capella-Ballade über das Schicksal von roten Bohnen. So zollen die Jazzer aus Frankreich den Großen des Jazz ihren Respekt – nämlich äußerst respektlos.

Klaus Mümpfer

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